Beobachtungen

Ich stehe am ICE Bahnhof. Der Zug fährt ein. Menschen steigen aus. Viele Businesskasperles mit ihren neckischen Rollköfferchen, Backpacker, irgendwelche Seniorengruppen im kollektiven Beigegrau. Hastiges Treiben, Rennen, Rollen, Verabschiedungen, Begrüßungen.

Ich steige in den ICE. Neben mir Businesskasperles, vor mir Businesskasperles, irgendwelche BahnCard-Junior Inhaber, die bewußt unbewußt ein Antidot zur gesetzten Business-Gesellschaft setzen möchten, indem sie sich bewußt unbewußt stylish-unstylish kleiden (nennt man wohl Hipster *grins). Gefühlt jeder zweite daddelt an und auf einem mobilen Device seines Vertrauens. Der Rest sitzt da, isst Wurstbrote oder andere undefinierbare „Lebens“mittel (ich hab das schon immer gehasst, dieser sich vermischende Geruch von irgend welchem Fraß hat für mich außerhalb des Bordrestaurants keine Daseinsberechtigung. Ich fühl mich dann immer wie im Transbalkan-Express, fehlen nur noch die Hühner und Schafe im Abteil).  Einige schlafen. Würde man genauer hinsehen, könnte man sicher einige Speichelfäden sehen, die unaufhaltsam vom Mundwinkel aus dem Weg der Schwerkraft folgen. Ich spar mir diesen zweiten Blick.

Wir rauschen mit entspannten 285 km/h durch die Landschaft. Ich fühle mich latent an Erich Kästners Gedicht „Im Auto über Land“ erinnert… „immer rascher jagt der Wagen…“

Geschwindigkeit ist relativ.

Früher gab es im ICE noch zwischen den Sitzen eingebaute Radios, und im erste Klasse Abteil fand man in die Kopfstütze eingebaute Bildschirme. So konnte man sich damals noch ganz exklusiv die Zeit mit Filmchenglotzen vertreiben. Diese Zeiten, in denen die Bahn das Programm vorgab, sind jedoch lange vorbei. Seit Notebook, Tablet & Co auf dem Vormarsch sind, hat sich die Bahn dem Trend angepasst und bietet ihren Kunden statt vorgekauter Kost alternativ kostenloses WLAN und der Radioempfänger zwischen den Sitzen ist einer omnipotenten Steckdose gewichen – zum Glück, denn die hat mir kürzlich echt den Arsch gerettet.

Nächster Halt: Frankfurt Flughafen.

Ich steige aus.

Menschentrauben wuseln herum. Businesskasperles mit ihren neckischen Rollköfferchen, Backpacker, Seniorengruppen im kollektiven Beigegrau.

Die Traube löst sich auf, findet in anderer Formation wieder zusammen, um dann gleich wieder in unterschiedliche Richtungen auseinanderzuströmen. Der Flow des Lebens. Hier an diesem zentralen Sammelpunkt jeglicher ethnischer, kultureller und finanzieller Couleur.

Ich laufe hinaus zum Taxistand und warte.

Geschäftiges Treiben. Businesskasperles scharren mit den Hufen. Keine Zeit! Wo ist das Taxi? Wo ist der Knabe mit dem Schild, der mich abholen soll? Ungeduldig treten sie von einem Bein aufs andere. Schnell, schnell. Ab ins Hotel, ab zum Meeting, eben schnell mal die Welt retten, ach, was sind wir so wichtig! Und am Abend wartet dann das vorher via Fickportal klar gemachte Date voller Vorfreude auf eine unvergessliche Nacht in den heißesten Dessous dieses Planetes an der Hotelbar. Dort goustiert man einige Drinks – 10 Euro aufwärts pro Glas , darunter machen wirs nicht! -, um sich auf diese unvergessliche Nacht einzustimmen. Unvergesslich – schlecht, enttäuschend, langweilig, exzessiv? Wer weiß das schon! Garantiert ist jedenfalls dieses schale Gefühl morgens beim Aufwachen. Das Makeup ist zerstört, die Haare wirr, man stinkt aus dem Maul und geht zur Tagesordnung über. Hello and goodbye. Wir können ja schreiben.. ja, ok, können wir. Ich melde mich. – Haken dran, weiter gehts, der Tag wartet und man muß mal wieder die Welt retten. Sex als Konsumprodukt, mittlerweile aber auch als kostenlose Variante erhältlich. Danke, Internet.

Cut.

Eine startende Maschine reißt mich mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm aus meinen Gedanken.

Ich schaue gen Himmel. In dieser Maschine sitzen vermutlich viele Businesskasperles, Backpacker, Familien – nur die Seniorengruppen bleiben lieber auf dem Boden der Tatsachen und reisen mit Bus und Bahn. Da fällt man nicht so tief, das ist wichtig, denn als alter Mensch kann man ja auch nicht mehr so gut aufstehen.

Der Himmel ist voller Flugzeuge. Imaginär auf einem Fleck gebündelt, dann in alle Richtungen davonfliegend. Ohrenbetäubender Lärm. Hektik. Stress. Zwischendurch Sex und Alkohol zur Entspannung. Das hamma uns verdient. Oberflächlicher Konsum als State of the Art.

Der Alltag eines ganz normalen, semi-bis überdurchschnittlich erfolgreichen Arbeitstieres Anfang des 21. Jahrhunderts.

Ich liege abends im Bett. In meinen gehassliebten ländlichen Gefilden, hinter den Bergen bei mehr als sieben Zwergen. Das Fenster ist offen. Aus einigermaßen weiter Ferne höre ich Flugzeugrauschen. Wie ein Stakkato ballert eine unsichtbare Kanone eine Mühle nach der anderen in den Himmel- teils stundenlang – um unsere Spezies quasi an jeden beliebigen Ort dieser Welt zu katapultieren.

Human beings go viral.

 

 

 

 

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Autopannenhilfe vs. IT-Helpdesk

„Have you tried turning it off and on again?“

Kennern und Freunden der britischen Comedy-Serie „The IT Crowd“ wird diese elementare Frage – die gleichzeitig  die 42 der Informationstechnologie beinhaltet – wohlbekannt sein. Das Aus- und erneute Wiedereinschalten des PCs/Notebooks, $Device als ultimative Quelle der Fehlerbehebung.

Seit neuestem nun kenne ich das Äquivalent aus der KFZ Erste Hilfe.Einziger Unterschied: turning off hat funktioniert, turning on jedoch leider nicht mehr. Deshalb hat man hier etwas modifiziert.

Inform von: „Waren Sie vorher tanken?“

Äh, what?!

Ich, Anfang 40, seit nunmehr 24 Jahren im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis, davon 14 Jahre passionierte Dieselfahrerin mit unzähligen, stets korrekt durchgeführten Tankvorgängen, der deutschen Sprache in Wort und Schrift mächtig, glotze mein Gegenüber einigermaßen entgeistert an.

Das sieht meine verzerrte Mimik und versucht zu relativieren: „Jaaa, das haben wir alles schon erlebt! Kann ja auch mal passieren….“

Mein Gesicht verfinstert sich weiter.

„Jaaa..“ beschwichtigt er weiter…. bloß kein Stress mit dem Kunden! Ungut für die Statistik und die Zufriedenheitsumfrage, die er mir wenig später noch aufs Auge drücken wird.

„…. das kann ja auch mal den Tankstellen passieren… Falsch befüllte Behälter und so..“ Er lächelt schief und ich meine, im Gegenlicht einige Stress-Schweißperlen auf seiner Stirn glänzen zu sehen.

Ich beschließe, mich nicht angegriffen zu fühlen. Obwohl ich einige Parameter nur schlecht ignorieren kann.

Rückblende:

20 Minuten zuvor. Es klingelt mein Handy. Ich melde mich. Als mein freundlicher Pannenhelfer erkennt, dass er es mit einer Frau zu tun hat, schwenkt sein Gehirn offenbar in den XX-Modus: Frauengerechte Sprache. Klingt dann so: „Jaaa, guten Tag, XYZ von ABC ….. WAS HAT IHR AUTOCHEN DENN?!“ Bedauern schwingt mit. So, als ob sich ein Kindlein ein Knie aufgeschlagen hätte. Ooooooh, das Autochen is putt. Einmal aus- und einschalten pusten, und schon ist wieder gut! Alter….!

Ich erkläre ihm kurz und knapp, dass mein AUTOCHEN den Dienst quittiert hat und dass er gefälligst aufhören soll, mit mir zu reden wie mit einem kranken Gaul, seinen Arsch zz rüberschieben und mir helfen soll doch bitte möglichst bald vorbeikommen und mal einen Blick darauf werfen möge.

Nachdem er merkt, dass kein Heulkrampf zu erwarten ist, den es im Vorfeld abzufedern gegolten hätte, beendet er das Gespräch mit den Worten „ich bin gleich da“.

So. Und nun stehen wir da und ich muß mich zu meinem ganz persönlichen Tankverhalten befragen lassen.

Das jedoch ist schnell geklärt, denn das letzte Mal habe ich vor zwei Wochen getankt (Diesel halt *grins).

Nach einigen Defibrillationen kehrt das Leben in meinen alten Herrn zurück. Er hustet, er spotzt. Aber dann läuft er wieder. Rund und glatt, wie ich es kenne und liebe. Aber niemand von uns weiß, wie lange. Ob er nicht einen Herzschrittmacher benötigt. Oder eine Organtransplantation. Ich nutze die Gelegenheit, den pfiffigen Autodoktor hinsichtlich seiner Verdachtsdiagnose zu befragen. Natürlich fühlt er sich furchtbar gebauchmiezelt, und so hängen wir beide mit den Köpfen über dem ratternden Motor und er schreit mir seine Vermutung entgegen. Er zeigt hier, er zeigt da. Auf das Kapitel „Grundlagen der Motorfunktion“ verzichtet er wohlweislich, da ihm zwischenzeitlich klar geworden ist, dass dies reine Makulatur wäre. Quintessenz des Gesprächs: meine Vermutung wird bestätigt, und so suche ich mit dem alten Herrn umgehend ein Krankenhaus auf. Dort wurde er stationär aufgenommen. Sein Status ist noch unklar, aber ich hoffe, er kommt durch.

Bei der Aufnahme wurde ich jedenfalls nicht mehr gefragt, ob ich vielleiiiicht aus Versehen Benzin getankt hätte.

Wenigstens etwas.

 

 

 

 

Noch mehr Fabelhaftes: How to be a real man

Nachdem wir gestern einen Ausflug in die fabelhafte Welt der von Grund auf perfekt agierenden Frau unternahmen, möchte ich heute – gendergerechtigkeitsmäßig und so –  das männliche Äquivalent unter die Lupe nehmen. Und es beginnt mit einer Überraschung, denn: dieses Äquivalent, von dem ich lange Zeit dachte, es würde – rein zum Ausgleich – ebenfalls existieren, wird nirgendwo beschrieben. Noch nichtmal in Märchenbüchern Beziehungsratgebern.

Nirgendwo wird dieses Idealbild eines von GRUND AUF perfekten Mannes beschrieben. Der, so wie das weibliche Naturtalent gestern, dieses Wissen ebenfalls mit der Muttermilch aufsog und somit quasi von selbst zu einem glänzenden Held in strahlender Rüstung emporwuchs.

Selbst in den üblichen Schmonzetten-Weichzeichner-Romantikgedöns von Rosamunde Pilcher et al. durchschreitet der Protagonist – egal, wie geläutert er am Ende auch sein mag – erst sein ganz persönliches Armageddon mit vielen Tränen und dramatischen Wendungen, bevor er – üblicherweise im letzten Drittel des Films/Romans – von jetzt auf gleich die ultimative Erkenntnis erlangt und quasi über Nacht ein besserer Mensch wird. Klingt auf den ersten Blick – trotz aller Schmalzbeilagen – irgendwie doch noch einen Hauch realistischer als der weibliche Gegenpart, oder? Mitnichten.

Die Realität endet mit dem Beginn der Läuterung. Die Läuterung eines Mannes – sofern sie überhaupt stattfindet – nimmt einen langen, bisweilen sehr langen Zeitraum in Anspruch. Es ist absolut unrealistisch, dass ein Mann im Anbetracht eines tränenverhangenen Frauengesichts sofort nachzudenken beginnt. Hierfür ist sein Oberstübchen nämlich nicht gemacht. Hier ein Beispiel, wie es niemals in der Realität zu finden sein wird:

Filmszene: Frau völlig tränenüberströmt mit verschmiertem Make Up, „oh MEIN GOTT, wie KONNTEST du mir das nur antun?!“ Mann so *denk eine Minute* „OH MEIN GOTT! Ja! Jetzt erkenne ich es!! Und wie sie weint!! WIE KONNTE ICH IHR DAS NUR ANTUN?!“ Dramatische Musik, Moment der Läuterung: „oh Gott, ich liebe dich so sehr, wie KONNTE ICH DIR DAS NUR ANTUN?! ES TUT MIR SO LEID! Ich werde ein besserer Mensch! Jetzt! Sofort! Bitte verzeih mir!“ Frau so *Tränen auf Knopfdruck versiegt* „OH MEIN GOTT, ICH LIEBE DICH JA AUCH SO SEHR! Ich verzeihe dir!!“ Überschwengliche Umarmung, Harfenmusik und Engelsgesang, ein inniger Kuss – und schon reiten sie gemeinsam in den Sonnenuntergang. Fail.)

In den vergangenen Jahr habe ich mich auch mit Beziehungsratgebern für Männer beschäftigt. Einige von ihen wurden von Herren verfasst, die ihre persönliche Läuterung bereits hinter sich haben. Quasi vom Bad Boy (im negativsten Sinne des Wortes) zum, öhm… ich nenns mal: Frauenversteher mit Format. Beispiele hierfür sind Darius Kamadeva und Anchu Kögl (vermutlich ist eine der Grundvoraussetzungen für eine gelungene Metamorphose ein komischer Name 😀 ) Diese beiden Jungs – einigermaßen neckisch anzuschauen, zumindest in einem Maß, dass man ihnen ihre Womanizer-Vergangenheit durchaus abnehmen kann – ergreifen die Flucht nach vorn und setzen auf Authentizität. Begegnen ihren männlichen Kunden damit irgendwie mehr auf Augenhöhe als den Damen die weiblichen Naturtalente, die schon immer und ohne persönliches Zutun auf ihrer persönlichen Perfektionswolke lebten. Ok, ok. Wir haben ja gestern schon festgestellt, dass diese Naturtalente lediglich eine Metapher sind. Dass es sie vermutlich in dieser Form nicht gibt. Ja. Aber worauf ich hinaus will: wieso ist die Psychologie, jemanden zu erreichen, geschlechterabhängig? Während Frauen ein – von Haus aus – unrealistisches Naturtalent als Köder vorgesetzt wird, ist man bei Männern authentischer und sagt: „Hey, Mann! Ich war voll der fiese Typ. Aber jetzt bin ich anders. Und DU kannst auch anders werden!“.

Warum also gesteht man Männern von Grund auf das Recht zu, unperfekt zu sein? Defizite quasi als Grundvoraussetzung zur Läuterung? Und warum geht man im Umkehrschluß davon aus, dass Frauen im Gegenzug gewisse Eigenschaften von Grund auf beherrschen könnten/sollten?? Wieso geht man davon aus, dass es Frauen mehr anspricht, ein schon immer perfekt agierendes Wesen als Vorbild gesetzt zu bekommen?

Diese Frage läßt mich ratlos zurück.

Zum Schluß noch ein Wort zur männlichen Läuterung. Sie geschieht nicht von einer Minute auf die andere. Selbst im Angesicht eines drohenden Totalverlusts. Egal, ob die Frau im Sterben liegt, oder ob es sich um die letzte Begegnung vor Antritt einer hunderjährigen Reise durch die Galaxie handelt oder die Frau im Begriff ist, aus Verzweiflung ein Plagiat zu heiraten…. KEINEM Mann (außer unseren Rosamunde-Pilcher-Helden) wird genau in dieser entscheidenden Sekunde einfallen, das richtige zu sagen. Weil es ihm tatsächlich NICHT EINFÄLLT. Es hallt nach. Und dieser Nachhall dauert. Er dauert lange. Bisweilen sehr lange. Die bisher höchste Latenz wies in meinem Fall beispielsweise ein Exfreund auf, der mindestens 15 Jahre brauchte, um zu dieser Erkenntnis zu erlangen. In anderen Fällen dauerte es dennoch mindestens einige Monate bis wenige Jahre.  Egal, wie lange es jedenfalls dauerte, bis die Herren zum entsprechenden Ergebnis kamen. Die Gemeinsamkeit jedoch liegt darin, dass es in jedem Fall zu spät war. Aber offenbar gehört diese Erfahrung mit zum männlichen Wachstum. Das Erkennen und Reflektieren verpasster Chancen, das Wunden-Lecken darüber und vielleicht als Resultat, es in Zukunft doch irgendwie besser zu machen. Dieser gute Vorsatz hält dann genau bis zur nächsten Frau an. Und dann geht alles wieder von vorne los. Es sei denn, sie lassen sich von Kamadeva, Kögl et al coachen 😀

Männer sind tatsächlich anders als Frauen. Es beginnt beim Chromosom, pflanzt sich über die Gehirnstrukturen fort, die abweichenden Verhaltensweisen und – wie in diesem Beispiel deutlich wird – eine bisweilen extreme kognitive Latenz. An Tagen wie heute fällt es mir schwer zu glauben, dass diese beiden Geschlechter in einigermaßen friedlicher Koexistenz leben können. Vielleicht wäre es tatsächlich besser, sich vom anderen Geschlecht fernzuhalten – außer, es geht um die temporäre Bedürfnisbefriedigung. Aber für sowas gibts ja all die tollen Datingportale mit vielen willigen „Stuten“ und ach so potenten „Hengsten“. Der Gedanke daran erzeugt bei mir  mittlerweile einen ziemlichen Würgereiz. Onlinedating, meine ganz persönliche maxime in holocaustum terrae (extrem verbrannte Erde). Never ever again.

Aus der Welt der Fabelwesen: Das „weibliche Naturtalent“

Noch während ich die heutige Überschrift ins Notebook hackte, kam mir die Überlegung, dass sie irgendwie vielleicht doch nicht so ganz angebracht ist. Fabelwesen: das sind ja Wesen, die es ja eigentlich nicht gibt. Darunter stellen wir uns was ganz Exotisches, Scheues, Mystisches vor. Etwas, das sich dem menschlichen Auge gern entzieht und hauptsächlich in unseren Gedanken lebt. Dann jedoch dachte ich an all die perfekten Menschen – körperlich und persönlichkeitstechnisch perfekt und seelisch absolut gefestigt  – auf den ganzen Datingplatformen. DA sind sie doch! Sie sind real existent 😉 Fabelwesen findest du also nicht in deinem Kopf, sondern im Internet (wie so vieles andere auch). Die hier eingestreute Ironie ist – wie immer – ein kostenloser Service des Hauses und darf gern zur weiteren Verwendung gesammelt und behalten werden.

Es gibt aber noch eine andere Art von Fabelwesen: das weibliche Naturtalent. Eine Begrifflichkeit, über die ich in den letzten Monaten immer wieder gestolpert bin. Sie wird gerne in einschlägigen Newslettern gewisser Beziehungsberater erwähnt und man soll sie sich zum Vorbild machen.

Weibliche Naturtalente sind per definitionem Frauen, die – wie die Begrifflichkeit schon suggeriert – die Spielregeln des Datings und der perfekten Beziehungsführung bis zum Sterbebett quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben und in einem so unglaublich stabilen Umfeld groß geworden sind, dass ihr Urvertrauen und ihr Selbstbewußtsein so starke Wurzeln ausbilden konnte, dass sie damit die Erde zusammenhalten könnten. Sie wissen intuitiv (!), dass Männer in der Kennenlern- und Bindungsphase anders ticken als Frauen, sich in diesen Phasen perfekt verhalten und noch nicht einmal den Hauch von Verlustangst verspüren. Die stets fröhlich, selbstbewußt und -bestimmt und voller Elan durchs Leben gehen und die vor allem völlig unabhängig von ihrem limbischen System agieren können. Chapeau!

Diese weiblichen Naturtalente heißen Sandra, Petra, Silke usw. und erzählen freimütig in Interviews über ihre magischen Fähigkeiten. Und das Beste: Für ein kleines Taschengeld darfst auch du von ihren wertvollen Erfahrungen profitieren. Wir stellen also fest: sie sind nicht nur Weltmeisterinnen im Männer-an-sich-Binden und -Führen, sondern sind zudem auch noch absolut altruistisch! Die Welt ist doch nicht so schlecht, wie ich immer dachte. Schön, dass es solche Menschen gibt.

Bevor sich der Zynismus aber zu stark verdichtet und eine explosive Atmosphäre entsteht, betrachten wir das Ganze nun mal nüchtern und realistisch:

Zunächst: es spricht kein Neid aus mir. Ich bin weder eifersüchtig oder neidisch auf Menschen, die tatsächlich so etwas wie eine dauerhafte, wirklich glückliche Beziehung führen können, noch bezweifle ich, dass dies möglich ist. Aber ich weiß, dass solche Beziehungen das Resultat konsequenter harter Arbeit sind, und so weit ich Einblick in solche Beziehungen habe/hatte: keine dieser Frauen sind/waren solche „Naturtalente“, sondern mußten sich ihr Glück hart erarbeiten.

Betrachten wir uns unsere Gesellschaft:

Wie bereits in mehreren vorangegangenen Postings erwähnt, liegen die Defizite jener auf der Hand: zunehmender Egoismus, Egozentrik, Ellenbogenmentalität, Konkurrenzkampf. Wir sind zu viele, werden immer mehr, jede/r aber von uns hat den Anspruch darauf, ganz oben stehen und etwas ganz Besonderes sein zu wollen. Dass der Mensch allein schon durch seine genetische Einzigartigkeit etwas Besonderes ist, ist in unserer Gesellschaft nicht ausreichend. Man muß es verifizieren durch anerkannte Attribute wie Schönheit, Intelligenz und Fleiß. Dadurch werden wir von Kindesbeinen darauf getrimmt, diese Attribute zu erfüllen. Hand aufs Herz: wer hat das nicht erlebt? Wer von uns kann wirklich von sich behaupten, in einem dauerhaft stabilen Umfeld groß geworden zu sein? Fangen die Probleme vielmehr nicht schon in der Kindheit an? Die Zahlen über sexuellen Mißbrauch an Kindern durch Familienangehörige oder enge Freunde der Familie sprechen doch eine deutliche Sprache. Mobbing, das teilweise schon im Kindergarten beginnt, sich über die Schulzeit hinweg weiter fortsetzt und uns alles andere als zu stabilen Persönlichkeiten heranwachsen läßt. Auch Überbehütung kann ein hemmender Faktor sein, der uns unsere Potenziale nicht entwickeln lässt.

Das, was den allerallermeisten von uns in der Kindheit widerfuhr, trägt alles andere als dazu bei, eine von Grund auf stabile Persönlichkeit zu entwickeln. Und dazu gehört unter anderem das Wahren des Urvertrauens. Urvertrauen ist wiederum dazu notwendig, ein gesundes Selbstbewußtsein zu entwickeln. Und ein gesundes Selbstbewußtsein wiederum trägt dazu bei, wirklich weitestgehend unabhängig vom Verhalten anderer Menschen zu agieren. Und DAS wäre aber unbedingt notwendig, um so etwas wie dieses fabulöse weibliche Naturtalent zu sein. Sich seines eigenen Wertes bewußt sein. Das – und dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen – ist in der heutigen Zeit eher eine Ausnahme denn die Regel.

VIELMEHR ist es doch so, dass wir uns erst im Laufe unseres Lebens wieder bewußt werden (müssen), was damals schief gelaufen ist (und was das ist, ist bei jedem individuell. Es kann sowohl durch vernachlässigende Faktoren durch die Eltern passiert sein, sich durch Gewalteinwirkung entwickelt haben aber auch ein Resultat von Überbehütung und das Kind-in-Watte-Packen sein. Stichwort: Helikoptereltern). Der reguläre Weg ist doch eher der, dass wir eine ganze Weile auf der falschen Umlaufbahn unterwegs sind, und irgendwann an dem Resultat des falschen Weges mehr oder minder zusammenbrechen. Burn-out, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen – das ist doch heute alles die tatsächliche Normalität! Ab einem gewissen Lebensalter ist bei jedem von uns der Rucksack mit diversen Defiziten gefüllt. Er wird zu schwer. Die einen versuchen dann, diesen Rucksack mithilfe therapeutischer Unterstützung wieder loszuwerden und sich seines eigentlichen Weges zu besinnen. Die anderen ignorieren das Gewicht und legen lieber noch eine Schippe drauf, weil sie sich ihre vermeintliche „Schwäche“ nicht eingestehen wollen. Und das sind dann wahlweise jene Menschen, die meinen, sie hätten kein Glück verdient oder andererseits sich permanent als Opfer der Umstände sehen.

Und hier nochmal der Abstecher zu den ganzen Datingportalen. Ich war dort lang genug aktiv und habe genug Menschen kennengelernt, von denen KEIN einziger wirklich frei von Baustellen jedweder Art war. Baustellen, die die Persönlichkeit nachhaltig negativ geprägt haben. Die allermeisten, wenn nicht alle, hatten einen mehr oder minder ausgeprägten Hau. In der Regel zeigte sich dieser – tada, welch Überraschung! – durch Minderwertigkeitskomplexe, mangelndes Selbstbewußtsein. Dies zeigte sich in unterschiedlichster Form: hochtrabende Arroganz und durch grundloses, sukzessives Runtersauens des anderen, Arschkriecherei, kindisch-beleidigter Rückzug bei einem Korb. Und vor allem von weiblicher Seite höre ich jetzt immer häufiger von Stalkingfällen. Frauen, die Männer teils über Jahre hinweg belästigen, weil sie mit Ablehnung nicht klar kommen. Das alles sind wirklich keine Einzelfälle, sondern zeichnet eher ein realistisches Bild von unserer Gesellschaft als das Vorhandensein dieser ominösen weiblichen Naturtalente.

Naturtalent – diese Bezeichnung impliziert, dass man etwas von Grund auf beherrscht. Und das halte ich, gerade im Hinblick auf den korrekten Umgang mit Beziehungskonstrukten, für ein Gerücht. Die allermeisten von uns haben das nie gelernt. Die Realität sieht eher so aus, dass wir den korrekten Umgang erst mühselig erarbeiten müssen.

Deshalb: ich schließe nicht aus bzw. ich weiß (!) es, dass glückliche, dauerhafte Beziehungen durchaus möglich sind. Aber sie basieren in den allerallermeisten Fällen – wie zu Anfang erwähnt – auf jahrelanger harter Arbeit beider Partner. An sich selbst und zusammen für die Beziehung. Den meisten ist es das nicht wert, weswegen sich – für mein Geschmack – häufig zu vorschnell getrennt wird. Es ist in solchen Fällen für mindestens einen Part immer angenehmer, einen Haken dran zu machen, wenn es vermeintlich nicht passt – egal, wie viele positive Aspekte es neben den Problemen gibt, um in gewohnter Form beim nächsten Partner weiterzumachen. In der Hoffnung, dass dieser besser ins Lebenskonzept passt. Dabei vergessen die meisten, dass auch der Partner gewisse Vorstellungen hat, und es in den wenigsten Fällen wirklich so ist, dass es 100% passt (das tut es eh nie, wer das glaubt, sollte weniger Märchenbücher lesen 😉 ). Beziehungsarbeit, das ist eine der härtesten Arbeiten, die wir im Leben zu leisten haben. Weil es immer einen Großteil mit uns selbst zu tun hat. Es bedeutet somit auch Arbeit an sich selbst.

Diese weiblichen Naturtalente – ich denke mittlerweile, dass es sie nicht gibt. Sie wurden von jenen Beziehungscoaches erfunden, um den Hilfesuchenden einen Anker zu bieten. Eine Imagination zu erschaffen dessen, wie es sein könnte. Dass es möglich ist, diesen Status vielleicht ansatzweise WIEDER (!) zu erreichen. Jenen Status, den wir als Kind aus genannten Gründen, nicht ausbilden konnten. Es ist also eine Zielvorstellung dessen, wohin wir uns entwickeln können. Ein kleiner Hoffnungsgeber, Dass es dafür nicht zu spät ist, egal, wie alt wir sind, diesen Zustand zu erreichen. Ich denke durchaus, dass es möglich ist. Und vielleicht ist es auch ein kluger Schachzug dieser Coaches, eine solche Person zu erfinden. Aber auf den ersten Blick fühlt man sich trotzdem erstmal verarscht. Hier gilt es auch wieder, an der Oberfläche zu kratzen, zu schauen, was dahintersteckt – und zu verstehen…..

Liebe Damen, wenn ihr also irgendwann mal über diese Begrifflichkeit stolpert, seht sie eher als Metapher und als Ansporn für eure persönliche Entwicklung, und fangt erst gar nicht an, euch die Mühe zu machen, in euren persönlichen Umfeld danach zu suchen. Es gibt sie nicht. Aber ihr könnt es vielleicht werden. Dann seid ihr zwar immer noch kein Naturtalent, aber zumindest ein Talent. Und das sind doch eigentlich abschließend doch ganz gute Nachrichten,  oder? 😉

 

Herbst

Heute ist astronomischer Herbstanfang. Und ich sitze hier und frage mich, wo die restlichen 8 Monate von 2017 geblieben sind. War nicht letzte Woche erst Christi Himmelfahrt? War ich nicht kürzlich erst auf einem Sommerfest? Und bin gestern aus dem Urlaub gekommen? All das liegt schon wieder so ewig weit zurück.

Es ist ja ein bekanntes Phänomen, dass zur Kinderzeit die Sommer endlos sind, ein Jahr gefühlte 24 Monate hatte und auch sonst alles wahnsinnig entschleunigt wirkte. Nun weiß ich allerdings nicht, ob das die Kinder der aktuellen Generation noch genauso wahrnehmen wie wir Kinder der 1970er Jahre. Ich glaube, der Leistungs- und Zeitdruck ist auch hier eklatant angestiegen in den letzten Jahrzehnten, so dass die Erwachsenen der nahen Zukunft eigentlich gar nicht mehr dieses Delta im Zeit-Raum-Kontingent, das wir damals noch erlebten, kennen.

Der Herbst zeichnet sich in hiesigen Gefilden schon ab Mitte August ab. Es beginnt mit den für diese Region typischen Nebelfeldern. Mit den ersten vereinzelten gelben Blättern, obwohl dieser Sommer alles andere als trocken war.  Durch das typische zunehmend golddurchfärbte Licht in den Abendstunden. Nur der typische Herbstgeruch, den ich manchmal schon Anfang August wahrnehme, der fehlte dieses Jahr. Vermutlich, weil es eben doch etwas mehr geregnet hat.

In den Geschäften finden sich die ersten herbstlichen und winterlichen Accessoires. Offenbar führen die ersten Läden schon wieder Weihnachtsgebäck. Es vermischt sich alles zunehmend. Gestern noch Grillparty, heute schon Dominosteine. Ähnlich wie im gestrigen Blogeintrag frage ich mich auch heute nach dem Warum. Ob es tatsächlich jemanden gibt, der jetzt schon Weihnachtskram kauft. Gibt es wirklich Leute, für die es das ganze Jahr über Spekulatius geben könnte? Ich kenne jedenfalls niemanden.

Auf dem kleinen Gehöft, von dem ich letztes Jahr schrieb, tummeln sich jetzt schon wieder die ersten Puten. Gänse werden wahrscheinlich wenig später dazu kommen, um dort ihre letzten Lebenswochen zu verbringen. Der Jahreskreis schließt sich so langsam. Ein paar warme Tage haben wir vielleicht noch, dann beginnt wieder die Zeit der grauen Suppe. Der Kälte und der vermehrten Innenschau. Wie bereits hier erwähnt, kann aber auch für eine „schwarze“ Seele jede Jahreszeit ihren Reiz haben. Tatsächlich aber trauere ich dem Frühling und Sommer 2017 ein wenig hinterher. Weil ich das Gefühl habe, ihn gar nicht richtig erlebt zu haben. Das hat Gründe. Aber es kommt ja ein Frühling und Sommer 2018 – sofern die Berechnungen der NASA stimmen und „Florence“ heute den angekündigten Sicherheitsabstand von 7 Millionen Kilometern zur Erde einhält…. Ansonsten muß ich mir für nächstes Jahr ein Alternativprogramm überlegen 😉

„Hallo, junge Frau…“

Cross-Selling mag dem/der ein oder anderen LeserIn sicherlich ein Begriff sein. Im Zuge eines Einkaufs (hauptsächlich in den Filialen größerer Handelsketten) bekommt man neben dem erworbenen Produkt an der Kasse oft noch etwas anderes – oft völlig bezugsfremd und von minderer Qualität – aufgeschwätzt. Beispiele hierfür:

Briefmarkenkauf in der Postfiliale: „Hätten Sie denn auch Interesse an einem kostenlosen Girokonto?“  WTF?

Kugelschreibekauf bei McPaper: „Beachten Sie bitte auch unser supertolles Angebot, [zeig] – schauen Sie hier, dieser superhäßliche batteriebetriebene Hampelmann made in China und ohne CE Zeichen für nur 10 Euro!“ (nein, natürlich nicht für 10 Euro. Billigste Centartikel sind das, die trotzdem preislich relativ überhöht feilgeboten werden).

Schuhkauf im Deichmann: „… und zur OPITMALEN Pflege bieten wir hier noch zusätzlich unsere ganz tollen Care-Produkte an! [wieder zeig]“ Meistens sind das irgendwelche billigen, völlig überflüssigen Hygienesprays oder sogar Einlagen. Eine sensible Persönlichkeit könnte sich dadurch durchaus komprimittiert fühlen….

Die Verkäufer können dafür nichts. Die müssen das anbieten. Und Strichlisten führen für die Filial-Statistik. Wer den meisten zusätzlichen Dreck der Kundschaft untergejubelt hat, kriegt einen Lorbeerkranz vom Gebietsleiter aufgesetzt und darf sich die Statistik mit der aktuellen Führungsposition ins Büro hängen. Am besten noch gerahmt. Ok, aber darum geht es heute eigentlich gar nicht.

Es geht um anderes Ungemach, das inform von kleinen, beschirmten Ständen vor oder in irgend welchen Supermärkten nur darauf lauert, den nächsten Kunden anzuspringen, um ihm ein Produkt aufzuschwätzen. Dabei stehen sie stets strategisch so geschickt, dass kein Weg an ihnen vorbeiführt. Man MUSS sie passieren und angestrengt wegschauen. Nur eine Millisekunde Augenkontakt sehen sie als doppelte Ermutigung, dich anzuspringen und ihren Psalm vom Stapel zu lassen. Alternativ findet dieser Spießrutenlauf auch gerne in Fußgängerzonen statt, wo stets irgendwelche übermotivierten, teils echt freakigen Twentysomenthings (teilweise auch noch jünger) die Welt retten wollen und andere Menschen mit ihrem Enthusiasmus anzustecken versuchen. Es ist entsetzlich!

Die üblichen Verdächtigen sind hier:

  • ADAC – ganz vorn dabei!!
  • irgendwelche Rettungsdienste
  • Amnesty International
  • Tierschutzorganisationen
  • Kinderschutzorganisationen/Dritte Welt Hilfe
  • Pressefutzis, die einem Zeitungsabos andrehen wollen (passt schön zu diesem Blogpost hier)

usw.

Ich weiß nicht, wann dieses Unding des Leute-auf-der-Straße-Anquatschens begann und zu welchem Zweck. Und ob es WIRKLICH irgend jemand toll findet, von der Seite angesprungen und vollgelabert zu werden. Ich glaube, die allermeisten Leute bleiben nur aus Höflichkeit stehen und lassen diesen Scheiß über sich ergehen. Aber WARUM?? Es ist doch  noch nichtmal höflich, dumm von der Seite angequatscht zu werden! Ich kenne niemanden, der einen Stand sieht und daran vorbeigeht, wenn er daran interessiert ist. Sprich: bei Interesse finde ich selbst den Weg zur Information, die Information muß nicht zu mir kommen!

Während man in einem Geschäft irgendwie ja schon mit dem Verkäufer in Kontakt steht (spätestens beim Bezahlen) , ist es einfacher, Cross-Selling-Produkte abzuwiegeln. Aber auf offener Straße völlig ahnungslos angesprungen zu werden, finde ich ein Unding. Ich tue wirklich schon alles, um mein Desinteresse schon im Voraus bis in die Haarspitzen zu signalisieren: ich schaue weg. Ich schaue grimmig drein. Manchmal nützt es und sie denken sich „oah, die Alte hat sicher n Klappmesser in der Tasche, so wie die guckt. Die lassen wir mal lieber weiterziehen“. Aber meistens kommt dann erwartungsgemäß das unsäglich bescheuerte „Hallo, junge Frau…“ – das ist der Moment, in dem ich einfach nur denke: „Alter, halt die Fresse!“. Ich sage es natürlich nicht. Ich schaue nur weg, gehe weiter und sage dabei nur knapp „nein danke!“.

In der Regel bekommt man dann in harmloseren Fällen ein überzogen freundliches „EINEN SCHÖNEN TAG NOCH!“ hinterhergebrüllt. In weniger harmlosen Fällen habe ich es schon erlebt, dass sich über mich lustig gemacht wurde. Das sind dann solche Momente, in denen ich mir überlege, kehrt zu machen und mir die Mädels, Knaben, Damen und Herren gerne mal zur Brust nehmen möchte. Ihnen zu erklären, dass es schon von Haus aus assig unseriös ist, Leute auf der Straße dumm von der Seite anzuquatschen. Aber ich lasse es. Ihr „Erfolg“ soll für sich selbst sprechen. Und klar, sie machen ja nur ihren Job (inkl. Ehreamtliche, denn die haben ja eine Mission!).

Mir jedenfalls käme es nicht in den Sinn, Leute auf offener Straße einfach anzulabern und für meine Produkte zu „begeistern“. Wie gesagt: sind sie interessiert, finden sie den Weg alleine. Aber so ist jeder Jeck anders, und offenbar scheint das Bequatschen von Leuten auf der Straße ja zu funktionieren, ansonsten würde sich ja diese Vertriebs- und Werbemasche nicht so hartnäckig halten…..

Konstante in einem maroden Umfeld

Seit acht Jahren lebe ich (mittlerweile noch und gezwungenermaßen) in einer sukzessive vor sich hinsterbenden Region. Gemeindeväter, -mütter und Eingeborene mögen das negieren („ist doch toll hier, so schön grün und romantisch!“), aber die Zeichen stehen unweigerlich auf Verfall und zunehmende Aushöhlung (mir fällt kein anderer Begriff dazu ein).

Zum einen leben hier fast nur noch alte Leute, die nun der Reihe nach langsam wegsterben. Zuletzt hat es hier einen Opa ein paar Häuser weiter erwischt, der schon lange nicht mehr Herr (wahrscheinlich nicht nur) seiner Sinne war. Der letzte Sommer war geprägt von seinem nächtlichen Geschrei, das ich immer wieder hören konnte und ich wünschte ihm damals schon, dass er bald den Weg alles Irdischen gehen könne. Das Geschrei ist seit einiger Zeit verstummt. Es ist also davon auszugehen, dass er das Zeitliche gesegnet hat.

Einen Zuzug durch junge Familien mit Kindern habe ich hier lange nicht mehr erlebt. Die letzte ist hier vor 4 oder 5 Jahren hergezogen, und in ein ebenfalls zwischenzeitlich freistehendes Haus ist auch wieder ein kinderloses Paar etwas über mittlerem Alter eingezogen.

Die restlichen – jüngeren – Familien leben hier aus Tradition. Ihre Nachnamen verraten, dass sie hier seit Generationen fest verwurzelt sind, und freiwerdende Häuser werden hauptsächlich innerfamiliär weitergerecht. Außenstehende/ Zugereiste – so wie ich – verirren sich hierhin nur selten. Jene Häuser, die nicht weitervererbt werden, stehen zum Verkauf und davor erfahrungsgemäß sehr lange leer. Die wenigen Wohnungen indes werden nicht selten durch Flüchtlinge besetzt (hihi, schöner Doppelmops 😉 )

Im Nachbardorf sieht es ähnlich aus. Durch diesen Ort führt die einzige Hauptverkehrsstraße ins weitere Hinterland. Seit den 1950er/1960er Jahren, aus denen die meisten Häuser dort stammen dürften, hat sich der Verkehr jedoch stark erhöht. Durch die ganzen Gruben und Steinbrüche, die hier eine Haupteinnahmequelle sind, fahren immer mehr LKW durch den Ort. Und Busse, denn irgendjemand hat beschlossen, dass der ÖPNV nicht mehr allein durch die Bahn gedeckelt werden kann. Vor allem, wenn man in einem der vielen Orte OHNE Bahnanschluß wohnt. Kurzum: der Verkehrslärm hat sich vervielfacht. Die tauben Omas und Opas mag das noch wenig gestört haben, aber diese Omas und Opas sterben langsam weg oder kommen ins Pflegeheim. Nun stehen die Häuser leer und es ist schwierig, unter den mittlerweile herrschenden Bedingungen neue Bewohner zu finden. In selbigem Ort hatte vor einigen Jahren noch jemand die Idee, einen kleinen Dorfladen – ebenfalls direkt an der Straße – wiederzubeleben. Nach einiger Zeit mußte er wieder dichtmachen – trotz persönlicher Fürbitte des Bürgermeisters, diesen Laden zu unterstützen. Jetzt steht das Haus zum Verkauf, und der Ort verfügt nur noch über einen drittklassigen Bäcker.

Die Bewohner, die hier gefühlt seit Anbeginn der Zeitrechnung leben, werden immer stranger, je älter sie werden. Sie erweitern sukzessive ihren persönlichen Freiraum, da es hier ein ungeschriebenes Gesetz ist, sich nicht zu beschweren, und so kommt es nicht selten vor, dass ein Nachbar plötzlich nach 20 Uhr noch mit Rasenmähen beginnt. Mit einer absoluten Selbstverständlichkeit. Ein anderer Nachbar holt die Stichsäge raus, wann immer es ihm goutiert, gerne auch mal sonntagnachmittags – vor nicht allzulanger Zeit wäre das für ihn undenkbar gewesen, da er einer der wenigen war, der mit dem Begriff „Mittags- und Sonntagsruhe“ noch etwas anzufangen wußte. Aber mittlerweile scheint es ihm egal zu sein. Vermutlich hat er kürzlich sein 70. Jubiläum als Bewohner dieses Ortes feiern dürfen, was ihm den goldenen Jagdschein eingebracht hat. Wer weiß das schon? Hier bockt niemanden nichts. Vor einigen Jahren sind hier nachts mal Schüsse gefallen, ich bin davon hochgeschreckt und schaute aus dem Fenster. Nirgendwo sonst ging Licht an und dieser Vorfall fand auch nirgendwo Erwähnung.

Das Gemeindeoberhaupt indes zeigt sich furchtbar weltoffen und setzt sich unter anderem für die Flüchtlingsintegration ein. Das finde ich gut. So gab es mal ein gemeinsames Kochen usw. Das ist im Vergleich zu anderen, äh, ich nenns mal vorsichtig „traditionellen“ Gemeinden, schon ein Fortschritt. Trotzdem kann man die Zeichen der Zeit nicht ignorieren. Für diesen Ort, diese Gegend, muß man gemacht sein. Muß hier fest vewurzelt sein. Muß es hier lieben, um hier leben zu können. Alle anderen gehen kaputt. Auch viele jüngere Leute, die hier ihre Kindheit verbrachten, zieht es eher in die Nachbargemeinden oder in ein anderes Bundesland (ist hier nicht so weit weg 😉 ). Was verständlich ist, denn wer keine Arbeit in regionalen Handwerksbetrieben, Einzelhandel oder im öffentlichen Dienst gefunden hat, muß gezwungenermaßen ins Rhein-Main-Gebiet oder – seltener – Richtung Köln pendeln.

Das einzige, das diese Region am Leben hält, ist der Tourismus. Und davon hat es hier gerade in den Sommer- und Herbstmonaten eine Menge. Die Leute kommen in Scharen, um sich zu vergnügen – ob zu Wasser oder zu Lande – finden das ganz toll – und verschwinden dann wieder in ihre Stadt. Wohnen will von denen hier keiner. Aus gutem Grund.

Ich muß immer lachen, wenn ich derzeit an Wahlplakaten vorbeikomme. „Peter Pups, einer von uns!“ oder „Greta Garstig – für unsere Heimat“ – „Günter Grünzahn macht sich stark für unsere Region“. Tatsächlich frag ich mich, was die noch großartig retten wollen. Wie wollen sie diese Region attraktiver für junge Menschen/Familien machen? Durch die klassischen Neubaugebiete, von denen einige Nachbargemeinden schon welche vorzuweisen haben? Wie wollen Peter, Greta und Günter dem demografischen Wandel entgegenwirken? Wie soll diese Region generell attraktiver werden, ohne ihren  real existenten Umgebungs-Charme einzubüßen? Durch das Entstehen neuer uniformer Industriegebiete mit den üblichen Verdächtigen in Gestalt von großen Baumärkten, Handelsketten usw.? Der wirtschaftliche Standort einer nahegelegenen Kleinstadt verliert darüberhinaus auch zunehmend an Bedeutung. Die einzige Bedeutung, die es noch hat, ist tatsächlich ein Verkehrsknotenpunkt, dem die Stadtväter nicht mehr Herr werden und wo sich seit Jahrzehnten keine Lösung abzeichnet.

Es ist alles auf dem absteigenden Ast. Marode. Langsam vor sich hinsiechend. Kein guter Ort zum Leben. Entweder ist man ein Walking Dead, den nichts mehr bockt, oder man ist eine seit Generationen tief mit dieser Region verwurzelte Person, die hier aus Überzeugung lebt und im Großstadtdschungel untergehen würde.

Aber das sich hier bietende Bild ist tatsächlich kein neues Phänomen. Landflucht begann bereits mit der zunehmenden Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert.

Und obwohl sich hier in den letzten Jahren auch vieles verändert hat – im Kleinen… seis durchs Wegsterben alter Menschen, Wegzug oder zunehmender Ignoranz der hiesigen Bewohner… eine Konstante gibt es hier dennoch.

Eine Oma.

Eine Oma, die ich – seitdem ich hier wohne – fast jeden Tag, den ich mit dem Auto unterwegs bin, von Ort A nach B laufen sehe. Immer an der Straße, stoisch mit ihrem Stock und in ihrer ewig gleichartigen, irgendwie so gar nicht zusammenpassenden Kleidung, die an eine alte Bauersfrau erinnert, wie man sie sich so vorstellt. Vorübergehend trug sie als Kontrast eine neonfarbene Warnweste 😀 Die fand sie aber vermutlich nicht so toll, denn schon wenig später war sie wieder ohne unterwegs. Im Sommer trägt sie gerne ein gestricktes, ärmelloses Oberteil, was ihr viel zu groß ist. Im Winter Kopftuch und einen braunen Kamelhaarmantel. Im Sommer hat sie manchmal einen Strauß Blumen in der Hand, den sie vermutlich am Straßenrand gesammelt hat.

Diese Oma ist die gelebte Konstante – im positiven wie negativen Sinne. Sie hält sich beständig bis zum Ende der Zeit, sie wird vermutlich die letzte Alte hier sein. Diese Oma als Mahnmal „So lange ich lebe, gehe ich täglich diesen Weg. Das gehört sich so, ich bin Teil des Ganzen. Der Geschichte dieser Region. Ich setze mich dem Fortschritt (Warnweste *grins) entgegen. Alles soll so bleiben, wie es war.“

Ein schöner, romantischer Gedanke – wenn man es positiv bewertet. Aber es kann auch ein ebenso blockierender, lähmender sein – wenn man das Gesamtbild dieses Blogeintrags berücksichtigt….